Reiseerinnerungen

Zeichen der Zeit

In der zweiten Aprilhälfte sind wir 14 Tage durch Apulien gereist. Es war eine tolle Reise bei wunderbarem Wetter. Vieles haben wir in den zwei Wochen gesehen: die mächtige Stauferburg Castel del Monte, die eindrucksvolle Felsenstadt Matera, die freundliche Trullihauptstadt Alberobello, die fantastische Küste des Gargano mit ihrem wilden, dicht bewaldeten Hinterland, den am italienischen Nationalfeiertag völlig überlaufenen Wallfahrtsort Monte Sant' Angelo mit der in den Felsen gehauenen, dem Erzengel Michael geweihten Kirche, die Basilika mit den Reliquien des Heiligen Nikolaus in Bari und, und, und... vieles, was uns zuhause beschäftigt, die aktuelle Weltlage, all das schien in diesen Tagen weit weg.

Und dann war dieser eine Moment in der Küstenstadt Otranto ganz im Süden. Auf einer Küstenwanderung kamen wir an eine Stelle, die mit Unrat übersät war, Plastikflaschen, verrottete Kleidungsreste und Schuhe. Erst langsam wurde uns bewusst, was wir hier sahen: Flüchtlinge, die von Schleppern mit Booten über die Adria von Albanien her nach Italien gebracht wurden, sind hier ans Land gekommen. Und unversehens waren wir wieder mitten in unserer Gegenwart mit ihren Krisen und Konflikten. Auch wenn es nicht mehr medial im Zentrum steht: Nach wie vor nehmen Menschen den gefährlichen Weg über das Mittelmeer auf sich, um aus ihrer Heimat zu fliehen und irgendwie nach Europa zu kommen. Rund 155.000 Menschen waren es im Jahr 2025, sagt das UN-Flüchtlingshilfswerk, fast 2000 starben dabei auf den Routen über das Mittelmeer oder werden vermisst. Zurück in Otranto standen wir dann im Hafen vor dem Rumpf der Kater i Rades, einem Motorboot, das 1997 mit einem italienischen Kriegsschiff kollidierte. Das mit albanischen Flüchtlingen überfüllte Boot sank daraufhin. 57 Leichen wurden später geborgen, 24 Menschen gelten als vermisst. Der griechische Künstler Costas Varotsos hat aus diesem Rumpf ein beklemmendes Mahnmal geschaffen - gegen das Vergessen und gegen die Gleichgültigkeit.

Andreas Ruffing

Bild: Andreas Ruffing

6. Mai 2026

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