Moment mal!
Immer wieder staune ich über Gedanken, die aus dem Mund kleiner Kinder kommen. Manche möchte ich unbedingt aufschreiben, damit sie erhalten bleiben – für mich und für andere, die sich später daran erfreuen können.
Heute ist die viereinhalbjährige Helena wieder bei ihrer Uroma an der Mosel. Während die Erwachsenen draußen im Hof sitzen, erkunden Helena und ihr kleiner Bruder David das Haus. Im Wohnzimmer entdecken sie das Klavier. Eigentlich möchte Helena gerne darauf spielen, doch heute liegen zu viele Kleider darauf. Stattdessen fällt ihr Blick auf ein großes, buntes Bild über dem Klavier.
„Kannst du mir das mal runterholen?“, fragt sie mich.
Es ist ein Kreuzweg. Auf dem Boden sitzend, betrachten wir die einzelnen Stationen. Ich lese auch die kurzen Beschreibungen vor: „Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz. Jesus begegnet seiner betrübten Mutter. Jesus fällt zum zweiten Mal …“
Die barocken Darstellungen aus dem 18. Jahrhundert sind farbenprächtig und zugleich sehr realistisch. Ich frage mich, ob diese Bilder für Kinder nicht zu grausam sind. Was mag wohl gerade in den Köpfen der beiden vorgehen?
Da wandert Helenas Blick zum Pflegebett der Uroma. Ihre Miene verrät, dass sich ein Gedanke zusammenbraut.
„Und wenn die Oma abends im Bett liegt, muss sie dann immer auf dieses Bild schauen? Dann kann sie ja gar nicht schlafen. Dann soll sie doch lieber eine andere Seite aufschlagen.“
Ich brauche einen Moment, bis ich verstehe, was Helena meint. Sie hat mein Vorlesen offenbar wie eine Bilderbuchgeschichte erlebt. Und in einem Bilderbuch kann sie weiterblättern. Wenn eine Seite Angst macht oder zu grausam ist, sagt sie immer mal wieder entschieden: „Nein, diese Seite nicht.“
Wie recht sie hat.
Helena kennt viele Geschichten von Jesus, in denen Menschen aufgerichtet und getröstet werden. Vielleicht berührt mich ihr Gedanke deshalb so sehr: Sie weiß intuitiv, dass wir nicht bei jedem Bild verweilen müssen.
Nicht jedes Bild, das uns – auch in der Bibel – begegnet, müssen wir in uns aufnehmen. Nicht jede Nachricht, jede Geschichte und jede Szene tut gerade unserer Seele gut. Manchmal dürfen wir weiterblättern, gerade wenn etwas uns überfordert.
Denn die Geschichten von Jesus erzählen nicht nur vom Leid. Sie erzählen vor allem von Trost, Hoffnung und davon, dass Schweres getragen und überwunden werden kann.
Vielleicht braucht unsere Seele gerade in schwierigen Zeiten heilsame Bilder. Bilder, die das Dunkle nicht verdrängen, uns aber daran erinnern, dass es nicht das letzte Wort behält.
Helenas Satz verstehe ich als Einladung an uns alle:
„Dann soll sie doch lieber eine andere Seite aufschlagen.“
Wir dürfen weiterblättern. Und wir dürfen uns den Bildern zuwenden, die unserer Seele guttun. Sie können zu inneren Kraftquellen werden, wenn es dunkel wird.
• Mit welchem Bild möchte ich heute Abend einschlafen?
• Wenn sich ein negatives Bild aufdrängt: Welche Seite möchte ich lieber aufschlagen?
• Welche Geschichten und Bilder tun meiner Seele gut?
Bild: Kind auf der Bank, Rita Krötz
