Zeichen der Zeit
Beten als Ärgernis
Kürzlich berichtete eine Mainzer Tageszeitung über die ehrenamtliche Initiative der Eucharistischen Anbetung, von der Zeitung abfällig als „Daueranbetung“ bezeichnet. Betende Menschen haben in unserer Gesellschaft keinen Kredit. Angefeindet, rausgeekelt, von künstlicher Empörung aufgestachelt. Beten stört. Ein paar ein- und ausparkende Autos sind ein Aufreger. Ob man die Schwestern von der Ewigen Anbetung auch auf diese Weise aus der Altstadt vertrieben hätte? Die 41 Frauen, die bei der Bombardierung der Stadt am 27. Februar 1945 starben, hatten ihr Leben ganz dem Gebet,– rund um die Uhr, also 24/7 – gewidmet. Die Praxis des „Großen Gebetes“ in den Gemeinden hatte dasselbe Anliegen: Beten, stellvertretend für alle, jeden Tag in einer anderen Kirche eines Bistums.
Heute sind es nörgelnde AnwohnerInnen, denen eine Kirche, in der rund um die Uhr gebetet wird, ein Dorn im Auge ist. Ein Gebetskreis soll weichen. Ehrenamtliche fühlen sich durch eine Sakristei-Mitnutzung gestört. Für wen sind eigentlich Kerzen, Hostien und eine Monstranz, also Sakristei-Inventar, gedacht? Wie lange muss man zusätzliche Beleuchtungs-, Park- und Verkehrsregelungen konzipieren und finanzieren, bis ein vernünftiger Mensch aufsteht und erklärt, dass es auch heute noch eine positive Religionsfreiheit gibt? Es gibt Mitbürger, die selbst Federballspiel und Rollschuhlaufen von Kindern als prozesswürdige Ruhestörung empfinden. Fällt für mich in die gleiche Kategorie von intoleranter schlechter Laune. Man wünschte der aufgebrachten Nachbarschaft einen Kurzurlaub im Stadtzentrum von Jerusalem. Der Muezzin nimmt keine Rücksicht auf Nachtruhe.
Bericht der Mainzer Allgemeinen Zeitung vom 26.08.2026 über „Daueranbetung“
Foto: AMP, Anbetung bei Kerzenschein in St. Ludwig, Darmstadt
