Zeichen der Zeit
Eigentlich wollte Solomon Asch nachweisen, dass wir nicht so leicht beeinflussbar sind. Dass wir nicht gleich der Masse nachlaufen. Der forschende Psychologe hatte sich getäuscht. Wir lassen uns nur allzu leicht, ein X für ein U vormachen.
Was es dazu braucht, ist nicht so viel. Man braucht eine Gruppe von Leuten, die einer Meinung sind. Je attraktiver wir die anderen wahrnehmen und je höher deren gesellschaftlicher Status ist, desto eher geben wir nach. Wenn dann noch die öffentliche Meinung eine entsprechende Richtung vorgibt, fallen wir leicht um und passen uns an. Konformitätsdruck oder Gruppenzwang heißt dieses Phänomen.
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie nehmen freiwillig an einem Experiment teil. Man sagt ihnen, man wolle ihre visuelle Wahrnehmung testen. Als Sie den Untersuchungsraum betreten, sitzen da schon fünf Personen auf ihren Stühlen. Auf einer großen Tafel bekommen Sie zeitgleich drei senkrechte Linien unterschiedlicher Größe zu sehen, die von 1 bis 3 nummeriert sind. Eine daneben platzierte Tafel enthält nur eine Linie, die exakt genauso lang ist wie einer der drei präsentierten Linien. Sie sehen sofort: Antwort „2“ ist richtig. Doch sie müssen warten, bis die anderen ihre Antwort gegeben haben. Die sagen einmütig, die „3“ sei richtig. Als Sie an der Reihe sind, kneifen Sie die Augen zusammen, beugen sich weiter vor und schauen noch mal genau hin. Sie kommen buchstäblich ins Schwitzen. Wäre es nicht klüger einzulenken, damit man die anderen nicht denken, sie seien in dieser Runde der Besserwisser?
Das ist die Ausgangssituation des berühmten Experimentes, das Solomon Asch vor mehr als 70 Jahre durchführte. Der Pionier der Sozialpsychologe fand Folgendes: Wenn er Studierenden allein mit den beiden Linien-Tafeln konfrontierte, gaben 99 % die korrekte Antwort. Wenn er aber das eingangs skizzierte Szenario vorgab, knickte mehr als jeder Dritte (37 %) ein und gab die falsche Antwort, - nur um nicht alleine dazustehen.
Der Konformitätsdruck wirkt, weil wir uns allzu schnell beschämt fühlen. Wir machen uns zu viele Sorgen darüber, was andere Nachteiliges über uns denken könnten. Aber muss das so bleiben, nur weil es unsere menschliche Natur vorgibt und die Kultur ihren Senf dazu gibt? Was halten Sie von diesem Szenario der Inneren Freiheit?
Wenn alle ja sagen, sage Du nein. Wenn alle Bild lesen, lese Du Böll. Wenn alle im Netz surfen, gehe Du spazieren. Wenn alle Wasser trinken, trink‘ Du Wein. Wenn alle sparen, gebe Du aus. Wenn alle klagen, singe Du ein Loblied auf jemanden. Wenn alle nein sagen, sage Du ja.
Foto: © Klaus Glas, erstellt mit ChatGPT, 2/2026
