Meditation & Gebet
Ich sitze da und ärgere mich darüber, dass ich in den letzten Monaten kaum zum Schreiben gekommen bin. Immer ist irgendetwas zu tun.
In meinem Kopf lebt die Vorstellung von einem idealen Zeitpunkt: Ein Moment, in dem gute Gedanken auftauchen, die auf ein weißes Blatt Papier oder auf den Laptop wollen. Und am Ende bin ich glücklich mit dem Ergebnis.
Es müsste eine Art Mußezeit sein, die plötzlich da ist. Ein Moment, in dem ich spüre: Genau jetzt ist der richtige Augenblick zum Schreiben. Eine Zeit, in der ich mich mit Freude in einen Gedanken vertiefe und mich in dieses Tun fallen lasse. Eine Zeit, in der der Hl. Geist besonders günstig weht.
Ich mag diesen Gedanken von der Mußezeit. Also suche ich online nach diesem Wort, das ich gerade gefunden habe. Beim Eintippen zögere ich: Wie schreibt man es eigentlich – mit ß oder s?
Ich lese, dass Muße oft mit Muse verwechselt wird. Doch meine Muße wird mit ß geschrieben. Und plötzlich öffnet sich ein anderer Raum: Ich sehne mich nach einer freien, unverplanten Zeit, nach innerer Ruhe, nach einer Tätigkeit, die nicht aus Pflicht entsteht.
Ich entdecke, dass Muße nicht einfach Untätigkeit bedeutet. Schon die Denker der Antike sahen darin eine Zeit, in der Kreativität wachsen und der Mensch sich entwickeln kann.
Aber wie finde ich diese Mußezeit? Muss ich nach ihr suchen oder stellt sie sich einfach ein?
Ich schaue zurück und frage mich: Wo habe ich Muße schon erlebt?
- Wo ich den Pfad des Müssens verlasse und mich frage: „Was brauche ich jetzt?“
- Zwischen den Zeilen eines Buches, das mich gelockt hat, obwohl noch ein anderes ungelesen wartet.
- Wenn ich die Allein-Zeit nutze und mich mit meinen Quellen beschäftige, aus denen ich lebe.
- In der Meditation: in der kleinen Lücke zwischen Ein- und Ausatmen.
Meine Erfahrungen zeigen mir: Mußezeit fällt selten einfach vom Himmel. Sie will vorbereitet werden. Ich darf ihr Raum geben durch meine Entscheidungen.
Und vielleicht werde ich dann wieder öfter diese Momente erleben, in denen ich mich beschenkt fühle – Momente, in denen Gottes Geist in Gedanken wirken kann, die auf ein leeres Blatt wollen.
Bild: Rita Krötz
